Das Auswanderermartyrium des 19. Jahrhunderts

Mehr
4 Monate 5 Tage her #12 von Mrs Katelyn
Mrs Katelyn erstellte das Thema Das Auswanderermartyrium des 19. Jahrhunderts
Das Auswanderermartyrium des 19. Jahrhunderts

So bequem wie heute war das Auswandern damals bei weitem nicht - im Gegenteil, es war geradezu katastrophal! Die Segelschiffe, mit denen die Menschen der ersten Auswanderungswellen Anfang des 19. Jahrhunderts bis etwa 1880 Deutschland verließen - meist in Richtung Süd- und Nordamerika - waren eigentlich Frachtschiffe. In ihren Zwischendecks wurden Waren von Amerika nach Europa gebracht. Auf dem Rückweg war der Platz frei - Auswanderer waren für die Reedereien also ein willkommenes Zusatzgeschäft. Die Auswanderer mussten als "Fracht" mehrere Wochen dicht gedrängt, oft ohne Tageslicht und Frischluft, unter Deck bleiben.

Die hygienischen Verhältnisse verursachten schwere Krankheiten wie Typhus und Mundfäule. Die Verpflegung mussten sich die Leute selbst mitbringen - doch wenn die Fahrt statt sechs Wochen zehn dauerte, verhungerten die Passagiere. Nur rund 50 Prozent überlebten diese Tortur. Da viele Auswanderer die Überfahrt nicht bezahlen konnten, ließen sie sich anwerben und verpflichteten sich, für den neuen Arbeitgeber in Übersee mehrere Jahre nur für Kost und Logis zu arbeiten. Wenn sie "entlassen" wurden, bekamen sie vom Dienstherren oft ein Stück Land dazu, das sie bewirtschaften konnten.

"Luxus" auf den Dampfschiffen

Anders die Situation auf den Dampfschiffen, mit denen die Menschen ab 1880 Deutschland verließen. Selbst in der untersten Klasse, im sogenannten Zwischendeck, versetzte der sparsame Luxus mit regelmäßigen Mahlzeiten, eigener Matratze und Unterhaltungsprogramm am Abend so manch junge Dienstsmagd vom Land in Erstaunen. Auswandererschutzgesetze verpflichteten die Reedereien, die Passagiere zu verpflegen, für Hygiene zu sorgen und jedem eine Koje bereitzustellen. Die Auswanderer waren noch immer ein gutes Geschäft, doch ab 1900 machten sich die Dampfschiff-Betreiber immer mehr Konkurrenz. In der Folge wurden die Bedingungen immer angenehmer und die Überfahrten immer günstiger.

Auswanderungsziele in der Geschichte

Die meisten Auswanderer wollten in die USA. Hier gab es genügend Land sowie günstiges Wetter und gute Böden, um die eigene Scholle zu bewirtschaften. Anders in lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien oder Chile. Aber hier konnte es sehr unwirtlich sein: Die Deutschen waren das subtropischen Klima nicht gewöhnt und die Infrastruktur ließ auch zu wünschen übrig. Zwischen 1820 und 1930 gelangten knapp sechs Millionen Deutsche in die USA. Viele bildeten in den ländlichen Gebieten deutsche Gemeinschaften, wo man den gleichen Dialekt sprach und die Orte nach aktuellen deutschen Architekturmoden errichtete. Vielerorts entstand so ein "Little Germany", und erst die Enkel dieser Einwanderer wurden zu "richtigen Amerikanern". Andere Ziele waren Australien und Neuseeland. Dorthin verschlug es zunächst nur ganz wenige Deutsche. Neuseeland, damals britische Kolonie und heute eines der beliebtesten Ziele, hatte den Ruf, zwar deutsche Tugenden wie Fleiß und Ausdauer zu schätzen, nicht aber das Leben des Einzelnen. Ganz zu schweigen von den Ureinwohnern, den Maoris, denen man nachsagte, Menschenfresser zu sein. Erst die Goldfunde in den 1860er Jahren ließen Neuseeland zum Auswandererland werden. Die USA wurden besonders nach den Unabhängigkeitskriegen 1775 bis 1785 bei deutschen Auswanderern beliebt.

Ellis Island - die USA schränken die Einwanderung ein

Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich im beliebtesten Auswandererland, in Amerika, die Einwanderungspolitik. Immer stärker sollten die Einwanderungswilligen kontrolliert werden. Besonders Menschen aus Osteuropa waren nicht mehr gern gesehen, da sie als nicht assimilierungswillig wahrgenommen wurden. 1892 gründete die Regierung daher vor dem Hafen von New York Ellis Island. Auf der vorgelagerten Insel errichteten die Behörden eine neue Sammelstelle, wo bis zu 12.000 Menschen am Tag ankamen.

Allein 1907 wurden mehr als 1.250.000 Einwanderer abgefertigt. 40 Prozent aller Amerikaner haben heute Vorfahren, die über Ellis Island ins Land kamen. Mit der Quotenregelung ab 1924 begann der Niedergang von Ellis Island. 1932 war die Zahl derer, die abgewiesen wurden, zum ersten Mal größer als die der Zugelassenen. Bald lohnte sich die Bürokratie nicht mehr, so dass Ellis Island 1954 geschlossen wurde. Heute befindet sich auf der Insel ein Museum zur amerikanischen Einwanderung.

www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/g...uswanderer/index.jsp

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutretten.

Powered by Kunena Forum